Photo by Achim Hepp, Dortmund

Ich fühle, etwas zur Tragödie der Loveparade 2010 in Duisburg sagen zu müssen, weil ich der Musikszene, die hier als Aushängeschild für den Profit einer Fitnesskette vor den Karren gespannt wird, seit fast 20 Jahren angehöre. Sowohl als Musikfan als auch Musikschaffender. Diese “musikalische Gemeinschaft”, die ihren kleinen und doch großen gemeinsamen Nenner in der Musik findet und der ich mich in ihrem Kern (nämlich der Liebe zur elektronischen Musik) verbunden fühle, wurde nicht erst am 24. Juli 2010 in ihrem Image schwer beschädigt. Und es sind Menschen zu Tode gekommen, andere schwer verletzt worden, was vermutlich noch weitere Todesopfer bedeutet, aber zumindest lebenslange Nachfolgen. Das ist es, wovon ich zumindest — wie ich finde, reaslistisch betrachtet — ausgehe.

Ich will die sicherheitstechnischen Gegebenheiten vor Ort nicht bewerten oder Beteiligte aburteilen, schlicht, weil ich es nicht kann und es mir insofern nicht zusteht, irgendwen anzuklagen. Ich gehe grundsätzlich davon aus, daß niemand — weder Polizeikräfte noch Feuerwehrleute oder Sanitäter — fahrlässig Menschen in Verletzungen und in den Tod getrieben haben. Aber es existieren offene Fragen in mir, die ich gerne sachlich beantwortet hätte:

  1. Wie kann man eine Veranstaltung auf einem abgeschlossenen Gelände für maximal 350.000 Menschen planen, wenn ich damit rechnen muss, daß mehr als eine Million Menschen (insgesamt) erscheinen werden? Wie kann ich ausschließen, daß dies nicht zu enormen Problemen führt?
  2. Ich habe Videos gesehen, die klar zeigen, wie eine Gruppe von Polizisten die Menschenmenge in dem Tunnel daran hindert, sich rückwärts — also aus dem Tunnel heraus — zu bewegen. Welche Order der Einsatzleitung hat es diesbezüglich gegeben, und wieso wurde diese Order nicht aufgrund der veränderten Lage aufgehoben? Wieso haben die Polizisten vor Ort in diesem Moment nicht eigenmächtig, oder zumindest mit der Einsatzleitung abgesprochen, einen Plan B aus dem Ärmel geschüttelt? Ich kann mir nicht vorstellen, daß den Einsatzkräften die schlimme Lage vor Ort entgangen ist und niemand alternative Ideen dazu hatte. Es gab Augenzeugen, die in dieser Situation in dem Tunnel steckten, die gesagt haben, sie hätten 2 Stunden in dem Tunnel verbracht, nahezu ohne Bewegung bzw. Veränderung der Lage. Diese ganze Geschichte ist für mich völlig unverständlich.
  3. Reicht es, von Offiziellen der Loveparade zu hören “Herabfallende und hochkletternde Menschen waren in unserem Sicherheitskonzept nicht vorgesehen”? Wieso war so etwas nicht vorgesehen? Muss ich bei einem 20 Meter breiten und 200 Meter langen Tunnel, welcher der einzige Zu- und Abgang zum Veranstaltungsgelände war, nicht damit rechnen, wenn ich weiss, diese Veranstaltung wird von über 1 Million Menschen besucht? Zumindest damit war ganz klar zu rechnen.

Ich sage es nochmal: Die elektronische Musikkultur wurde gestern in ihrem Ansehen, welches sie weltweit genoss — nämlich friedlich, lebensfroh, bunt und tolerant zu sein — schwerstens beschädigt. Mir fehlte schon immer das Verständnis für die DJ-Kollegen, die sich unbezahlt von Rainer Schaller (McFit) vor den Werbekarren spannen lassen, während Besagter mit seiner Fitnesskette mehr und mehr Profit einfährt. Ich kenne Dr. Motte von Gesprächen, die ich mit ihm geführt habe, verstehe seine Haltung zu dem Thema, und möchte dem auch im Kern beipflichten, auch wenn ich ihn da für ein wenig zu emotional halte. Was ich aber auch wieder verstehen kann.

Dennoch, und vor Allem:

Ich bekomme den schlechten Geschmack nicht aus meinem Mund, hervorgerufen durch das Gefühl, daß hier insgesamt schlimme Dinge passiert sind, die auf reine Profitgier zurückzuführen sind. Damit komme ich überhaupt nicht klar, und ich will es auch nicht.

Ich empfinde tiefe Trauer. Trauer um die Toten, die Schwerverletzen und die Angehörigen und Freunde dieser Opfer. Ich bin traurig, aber auch wütend. Ich habe Zweifel, das meine Wut durch Antworten zu meinen Fragen da oben aufgehoben werden kann. Auch bin ich mir noch nicht sicher, ob bei den Opfern jemand dabei ist, den ich kenne. Ich habe noch keine Rückmeldungen erhalten.

Wer Antworten hat: Her damit.

7 Comments

  1. >>> “Herabfallende und hochkletternde Menschen waren in unserem Sicherheitskonzept nicht vorgesehen”?

    Also in den Love Parades der letzten Jahren hingen die Menschen in 10 Meter Laternen, auf hohen Brüstungen etc. Wer sowas nicht einplant ist dümmer als eine schwanzloser Kameldromedargiraffe.

    >>> Wieso haben die Polizisten vor Ort in diesem Moment nicht eigenmächtig

    Weil sich die meisten nicht trauen einen Fehler zu machen. Leider ist diese Personengruppe so gestrickt. Obrigkeitshörig!

    Ingo, mein Lieber, ich denke nicht, das die Menschen elektronische Musik mit diesem schlimmen Ereignis in Zukunft negativ in Verbindung bringen. Rainer Schaller, McFit, die Stadt Duisburg, Teile der verantwortlichen Sicherheitskräfte und die Love Parade als Veranstaltung hingegen, haben eine nicht positive nahe Zukunft vor sich.

    Let the good vibes roll!

  2. Es ist in dem fall sinnvoll, nicht eigenmächtig zu handeln. Als Einzelperson kann man die Gesamtsituation nicht überblicken. Zum Beispiel könnnten Polizisten an beiden Seiten des Tunnels Leute in den Tunnel schicken, weil es auf der jeweiligen Seite überfüllt ist. Dass die gegenüberliegende Seite auch überfüllt ist, weiß nur derjenige, der von beiden Seiten Informationen bekommt. Normalerweise sollte es einen Plan für alle wahrscheinlichen Situationen geben: Überfüllung, Vorgehen bei der Sperrung von Zugängen: simultan sperren oder von hinten nach vorne sperren, damit sich vor Wellenbrechern kein Druck aufbaut… Aber ich glaube, da hat man sich am Weltjugendtag in Köln orientiert: damals war Gottvertrauen ein wesentlicher Bestandteil des Konzepts.

Say something, preferably nice...