Ein paar Hundert Kilometer von mir entfernt liegt seit wenigen Stunden einer meiner engsten Freunde in einem Krankenhaus. Über Ostern ein bißchen Urlaub bei seiner Familie. Peng! Schlaganfall. Linksseitig gelähmt. Alles noch zu früh für Prognosen.

Ich saß gerade gemütlich bei einer Freundin, wir quatschten und tranken Getränke, als mich plötzlich diese Nachricht erreichte. Stille … bis einem plötzlich klar wird, was passiert ist. Der erste Gedanke: Ach du Scheisse, wie kann ich ihm jetzt helfen? Ekelhaftes Gefühl, zumal ich gerade nicht viel machen kann. Bin dann mit dem mir anvertrauten Schlüssel in seine Wohnung, um ein paar Unterlagen raus zu suchen, dabei hatte ich einen Felsbrocken auf dem Herzen.

Ein derber Typ in den “besten Jahren”, Kerl wie ein Baum, Hände wie Schaufeln, ein witziger Vogel, bei ihm ist das Glas immer halb voll, unbeirrbar, immer für andere da, und von einer Herzensgüte, wie ich sie selten bei Menschen vorfinde. Wir stehen uns nahe, sehr viel Vertrauen auf beiden Seiten. Ich bin eher ein rationaler Typ, aber mir tut das echt weh.

Ich kann nicht schlafen, Gedanken kreisen mir durch die Waffel. Das wirklich Bescheuerte: Es gab Vorzeichen, ganz deutliche. Auf die Idee eines Schlaganfallrisikos ist keiner gekommen, auch ich nicht. Dabei lag es auf der Hand, habe seine Schwindelgefühle und Gleichgewichtsstörungen in den letzten Wochen selbst hautnah mitbekommen. Gescherzt haben wir darüber, verdammte Scheiße. Man muss kein Superexperte sein, um auf so einen Verdacht zu kommen, und ich bin obendrein medizinisch nicht ungebildet. Ich fühle mich wie ein Idiot.

Ich konnte noch nicht mit ihm sprechen, es geht ihm nicht gut.

7 Comments

  1. Bitte mach Dir keine Vorwürfe, das nicht erkannt zu haben. Schwindel und Gleichgewichtsstörungen können ganz viele Ursachen haben, auch harmlose. Ein Schlaganfall heißt ja nicht umsonst so – er kommt eben meist wie ein Schlag aus heiterem Himmel.

    Ich weiß das aus eigener Erfahrung. Habe mir auch schon mal in einem ganz ähnlichen Fall einiges an Selbstvorwürfen gemacht, bis mir dann verdeutlicht wurde, daß zum einen ein Riesenunterschied besteht zwischen medizinischem Grundwissen und einer ärztlichen Tätigkeit 😉 und daß außerdem eine Privatsituation, in der jemand etwas von seinen Beschwerden erzählt, etwas völlig anderes ist als eine anberaumte medizinische Untersuchung.

    Du kannst Deinem Freund ganz viel helfen, wenn auch nicht jetzt gleich (wobei ich persönlich ja glaube, daß gute, ermutigende Gedanken auch helfen…). Indem Du, wenn er wieder aus der Klinik draußen ist, mit ihm den Weg gehst, der dann auf der Reha beginnt. Da wird für ihn vieles wieder zu lernen sein, und es ist immer gut, Menschen an der Seite zu haben, die geduldig und unterstützend dabei sind.

    Wünsche viel Kraft!

  2. Ich habe gerade mit ihm telefonieren dürfen. Er hat solche Angst, er hat so geweint. Ich hab gewartet, bis wir aufgelegt haben. Schlimm.

  3. Kann ich mir vorstellen. Das ist ja auch ein Riesenschock, körperlich und seelisch. Was Du jetzt machen kannst (auch wenn Deine eigene Angst verständlicherweise eigentlich Zeter und Mordio schreien möchte): ihm immer wieder sagen, daß es nicht so bleibt wie es jetzt ist, daß sein Zustand sich verbessern kann und WIRD. Es braucht dazu beides: Geduld und Hartnäckigkeit (beim Training, bald, die Früh-Reha dürfte ja in absehbarer Zeit beginnen). Ich kenne Schlaganfallpatienten, denen nichts mehr anzumerken ist.

  4. Hy Ingo,
    ich hatte vor 5 Jahren meinen Schlaganfall. War nicht ganz ohne – Intensivstation mit einer Nacht, die mir unvergessen bleiben wird, weil ich dachte: dies wird die letzte sein.
    Nach 6 Monaten war alles wieder ganz ok. Einige Jahre später waren dann auch die Sekundärsymptome Geschichte (Schwindelzustände, merkwürdige Phänomene im Kopf, leicht depressive Phasen, etc.). Was ich seitdem so alles gemacht habe, weißt du ja zumindest im Ansatz. Ergo – das Leben kann durchaus nach einiger Zeit wieder normal weitergehen.

    Zu: “Hätte ich vielleicht merken können!” – der Notarzt im Krankenhaus hat mich damals erst wieder nach Hause gehen lassen, nachdem ich dort mit meiner Frau aufgetaucht war. Erst eine Nacht später wurde ich dann wieder per Blaulicht eingeliefert. Soviel mal dazu. Bei einem 36 jährigem Mann vermutet das halt niemand. War auch ein ziemlich dummer Zufall (Arteria Carotis-Dissektion nach einem Tennisspiel). Passiert aber.

    Ich wünsche deinem Freund alles Gute und dir auch. Mach dir keinen Kopf. Im Krankenhaus ein paar Tage danach hatte ich mit die beste Zeit meines Lebens. In meinem Kopf war es derartig still, wie du es in der tiefsten Meditation nicht hinbekommst 😉
    War ein echter Genuss.

    Lieben Gruß

  5. Ich möchte euch allen danken, für jedes Wort.

    Andi, insbesondere für deine Geschichte. Ich wusste das nicht, kannten wir uns da schon? War ich da schon weggezogen oder noch “da oben”?

    Mein lieber Freund liegt noch in Ostfriesland, wird aber vermutlich bis Ende dieser Woche in eine örtliche Rehaklinik verlegt. Es geht ihm den Umständen entsprechend gut. Das linke Bein ist leicht beweglich, der Arm leider noch gar nicht. Seine mentale Verfassung scheint recht stabil zu sein. Er hat Hoffnung und will wieder der Alte werden.

    Ich habe mittlerweile ein Vollmacht von ihm, für seine Angelegenheiten, die er nicht persönlich klären kann. Er meinte: “Wenn einer, dann du.”

  6. … keine Ahnung, ob du noch hier oben warst. Es war September 2004.
    Damals hat mein bester Freund meine Geschäfte geregelt, wofür ich ihm wirklich sehr dankbar war.

    3 Monate später lag dieser jedoch mit Krebs im UKE und hat mich vorher in seiner Patientenverfügung als Stellvertreter seiner Interessen bestimmt. Leider musste ich diese Rolle auch aktiv einnehmen, da er aus dem künstlichem Koma nicht wieder erwacht ist. Dieses Jahr war rückblickend echt der Horror.

    Zu deinem Freund: In meiner Reha habe ich aber auch viele getroffen, die halbseitig erst stark beeinträchtigt waren und es wieder gut hinbekamen. Ich denke, der Körper hat da eine nicht zu toppende Eigenintelligenz, solange man ihm nicht mental andauernd dazwischenfunkt.

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